--
Weiter gehts mit meiner Berichterstattung zum 141. bundesweite Positiventreffen in der Akademie Waldschlösschen, nahe Göttingen. Nochmal zur Info: Auf der Seite des Waldschlösschens heißt es hierzu: "Die Positiventreffen finden seit 1986 statt und sind ein Fortbildungsangebot für Menschen aus allen Gruppen, die mit HIV/Aids leben."
Es geht quasi darum, sich aktiv und offen mit sich selber, den anderen Teilnehmer/innen und den unterschiedlichen Lebens- und Sichtweisen als Positive auseinander zu setzen, ungefähr so ähnlich oder eigentlich fast genau so, wie bei den Positiven Begegnungen, von denen ich bereits berichtet habe. Kurz: Austausch unter Positiven! Dieser findet innerhalb verschiedener Workshops statt, die immer einen bestimmten Themenschwerpunkt haben.
Der zweite Workshop den ich besucht habe, von welchem ich in diesem Eintrag auch berichte, heißt: "EKAF-Report und seine juristischen Folgen". Ich habe diesen Blogeintrag aber bewusst anders genannt, weil es so provokanter ist und mehr Leute darauf klicken. Ich will, dass Menschen die nicht viel mit HIV zu tun haben endlich davon erfahren und wer klickt schon einen Blogeintrag an der "EKAF-Report" heißt und bei dem man die Überschrift nicht versteht, weil man nicht mal weiß, was EKAF bedeutet?
Dieser Workshop fand nicht, wie die anderen bei denen ich war, halbtags statt, sondern ganztags, wobei wir am Vormittag eher allgemein besprochen haben, was der EKAF-Report ist und am Nachmittag auf eine persönlichere Ebene gegangen sind, um heraus zu finden, was der Report für uns persönlich bedeutet oder wie es unseren Alltag als HIV-Positive verändert, also welche Auswirkungen es hat.
Mir ist bewusst, dass hier viele Menschen mitlesen, die gar keine Ahnung haben, was gemeint ist, wenn ich vom EKAF-Report schreibe, daher zunächst eine Erklärung zur Bedeutung dieses Begriffs.
Die EKAF ist "Die Eidgenössische Kommission für Aidsfragen" in der Schweiz und hat am 30.01. 2008 ein Statement heaus gegeben, welches wie folgt lautete:
"Die Eidgenössische Kommission für Aidsfragen (EKAF) hält auf Antrag der Fachkommission Klink und Therapie des Bundesamtes für Gesundheit, nach Kenntnisnahme der wissenschaftlichen Fakten und nach eingehender Diskussion fest: Eine HIV-infizierte Person ohne andere STD unter einer antiretroviralen Therapie (ART) mit vollständig supprimierter Virämie (im Folgenden: «wirksame ART») ist sexuell nicht infektiös, d. h., sie gibt das HI-Virus über Sexualkontakte nicht weiter, solange folgende Bedingungen erfüllt sind:
- die antiretrovirale Therapie (ART) wird durch den HIV-infizierten Menschen eingehalten und durch den behandelnden Arzt kontrolliert;
- die Viruslast (VL) liegt seit mindestens sechs Monaten unter der Nachweisgrenze (d.h., die Virämie ist supprimiert);
- es bestehen keine Infektionen mit anderen sexuell übertragbaren Erregern (STD)."
Ich gebe zu: Wenn ich mich nicht so viel mit HIV auseinander setzen würde, wie ich tue, was bei den meisten von Euch der Fall sein dürfte, dann würde ich immer noch wahrscheinleich nur eins verstehen: Bahnhof!
Daher so gut wie möglich mit eigenen Worten nochmal erklärt: Nach eingehender Prüfung hat die EKAF festgestellt, dass ein HIV-Positiver, der verschiedene Bedingungen erfüllt, andere Menschen nicht beim Sex anstecken kann. Bedingungen:
- Der Positive ist in laufender Therapie, welche ärztlich kontrolliert wird.
- Er liegt mind. 6 Monate unter der Viruslast
(Je höher die Viruslast ist, desto "ansteckender" ist man als Positiver, bei einer Therapie soll die Viruslast reduziert werden, verkleinert sich also, irgendwann ist sie dann im besten Fall unter der sogenannten Nachweisgrenze)
- Es liegt keine andere sexuelle Krankheit vor
(z. B. Hepatitis, ein Tripper oder vieles mehr)
Ich bin ja immer ein Fan von Zahlen, um mal genauer zu werden: Das Risiko einer HIV-Übertragung beim Sex ohne Kondom, wenn der HIV-Positive die oben genannten Richtlinien erfüllt, ist deutlich geringer als 1:100000. Das verbleibende Restrisiko lässt sich zwar wissenschaftlich nicht ausschliessen, es ist aber nach Beurteilung der EKAF und der beteiligten Organisationen vernachlässigbar klein.
Was mich am meisten stört ist, dass die Gesellschaft oftmals gar nicht weiß, dass es dieses Statement gibt. Ich kenne ein Paar bei dem der eine HIV-Positiv ist und der andere HIV-Negativ - die beiden haben seit vielen Jahren ungeschützten Sex, weil der positive Partner unter die Richtlinien des EKAF-Statements fällt. Bisher ist der andere nicht infiziert worden.
Nach der Erklärung gehen wir nun auch gemeinsam auf die persönliche Ebene, wobei ich weniger davon berichten möchte, was in der Diskussion, die wir geführt haben, zur Debatte stand, sondern meine persönliche Sicht der Dinge erklären will.
Was bedeutet dieses Statement für mein Leben? Ich bin froh, dass es dieses Statement gibt, wobei mein Arzt mich auch schon vorher darüber aufgeklärt hat, als ich selber noch nicht darauf gestoßen war.
Warum bin ich froh darüber? Soll ich ehrlich sein?
Jeder von uns geht tagtäglich Risiken ein, manchmal bewusst und manchmal unbewusst. Ich habe die Hoffnung, wenn ich irgendwann eine Therapie beginne und die EKAF-Bedingungen erfülle, sowie einen HIV-Negativen Partner haben sollte, mit ihm gemeinsam entscheiden zu können, ob wir ohne Kondom Sex haben.
Es gibt wie gesagt ein Risiko, welches sehr gering ist, dies müsste mein Partner eingehen. Im Umkehrschluss gehe ich ebenfalls das Risiko ein, mir bei ihm andere Geschlechtskrankheiten zu holen. Aber es geht um Liebe, Sex und Lebensqualität. Es würde der Sexualität, zumindest ist das meine Meinung, mehr Qualität geben, wenn ich sie ohne Kondom ausleben könnte und wüsste, dass ich meinen Partner nur einen unglaublichen kleinen Gefahr einer Ansteckung aussetze.
ICH HABE ALS HIV-POSITIVER DAS RECHT AUF KONDOMLOSEN SEX!
Ich weiß, das ist Provokant und viele werden mich dafür verurteilen, dass ich dies sage, aber es ist ein gutes Gefühl. Wir sind keine Virusschleudern, keine Monster, keine Gefahr! Weil es durch die Medizin eine Möglichkeit gibt, Sex zu haben, der sicherer ist, als der Sex mit Kondom: Der "nicht-infektiöse" Sex, weil wir diese Bedingungen erfüllen.
Safer Sex ist eben nicht immer nur Sex mit Kondom!
PS: Es wurde auch über die juristischen Folgen gesprochen, also wie sieht das Ganze rechtlich aus. In der Schweiz ist das Ganze anerkannt, wo wir in Deutschland leider noch weit von entfernt sind. Ich bin in diesem Eintrag nicht auf die rechtlichen Aspekte eingegangen, weil dies zu ausführlich hätte geschehen müssen.
Bitte verbreitet dieses Statement so weit wie möglich! Es ist wirklich wichtig, dass dieses Thema in die Köpfe der Menschen gelangt!
--
Direktlink zum Text auf Marcels Blog:
Ich habe als HIV-Positiver das Recht auf kondomlosen Sex - Positiventreffen Nov. 2010 (2)
--
Update 22.11.2010: Mittlerweile hat Marcel seinen Text unter o.g. Link "aktualisiert", die ursprüngliche Überschrift und das Zitat sind darin nicht mehr zu finden.